09.12.2022

Mal ausprobieren, welcher läuft und läuft und läuft und läuft...

Auch bekannt als „Handbremse defekt“ oder „Handbremse fehlerhaft“ wird das Problem im Bordcomputer vorangekündigt. Liest man nun mit geeigneter Software und einem OBD2-Gerät das Steuergerät des Fahrzeugs aus, offenbart sich der wahre Fehler. Für Ottonormalverbraucher würde dieser Fehler bei einem Renault Scenic II von 2003/2004 wahrscheinlich entgültig die Abschaffung des Fahrzeugs aus dem Familienfuhrpark besiegeln. Auch deshalb, weil Anrufe bei Renault zum Ersatzteil nur noch beantwortet werden mit „Für dieses ältere Fahrzeug bekommen wir keine Teile mehr.“ und sollte man mal ein Teil bekommen, so liegt der Neupreis so hoch, dass man sich die Reparatur zweimal überlegt.

Im folgenden Artikel möchte ich schildern, wir wir in den letzten Tagen die Probleme mit unserer elektrischen Handbremse am Renault Scenic II in den Griff bekommen haben, welche Entscheidungen wir treffen mussten und warum, und was uns der Spaß am Ende gekostet hat.

Der Renault Scenic II ist bei uns Familienaustausch-, Schulweg- und Arbeitsfahrzeug. Er wurde als Neuwagen 2004 mit 5 Kilometer von einem Familienmitglied erworben.

Bei etwa 263.000 Kilometern und 18 Jahren trat beim losfahren nach einem Lösevorgang der Handbremse der Fehler „Handbremse defekt“ und kurz darauf „Handbremse fehlerhaft“ auf. Die Handbremse war danach nicht mehr in der Lage anzuziehen und auf dem Handbremsschalter links neben dem Lenkrad blinkte die rote Handbrems-LED.

Ein Auslesen der Fehlercodes ergab DF043 „Parkbremsmotor“ in englischer Sprache „Parking brake motor“. Nach einer Löschung des Fehlers kam dieser bei einem erneuten Versuch die Handbremse zu verwenden, dieser sofort wieder in den Fehlerspeicher. Nun ging es los mit der Fehler- und Lösungssuche.

Batterie für 10-60 Sekunden trennen

Eine der leichtesten Übungen, die jedoch in dieser Phase der Fehlerbehebung noch keinen Erfolg brachte.

Bowdenzüge bzw. Seilzüge der Handbremse auf grundlegende Gängigkeit testen

Auch das war schnell gemacht. In den Rädern, direkt an der Bremse kann man leicht die Züge auf ihre Gängigkeit testen, indem man den Haken in dem diese angebracht sind hin und her bewegt. Lässt sich das problemlos tun, ist die grundlegende Gängigkeit der Züge hergestellt. Hier keine Unstimmigkeiten bei unserem Fahrzeug.

Prüfung der Bremssättel hinten durchführen

Drehen die Räder frei? Oder hängt ein Bremssattel fest? Auch dieser Test ist schnell erledigt. Bei uns alles OK.

Sicherungen prüfen

Im Innenraum, 10A, bei uns mit ABS-Symbol auf dem Sicherungsschema. Bei uns nicht durchgebrannt.

Fehlercodes auslesen

Dies ergab zunächst DF043 „Parkbremsmotor“. Der Defekt liegt hier offensichtlich im Motor für die Parkbremse. DF049 war anfangs ebenfalls dabei, da einmal die manuelle Notentriegelung für die Parkbremse benutzt werden musste, nachdem diese kurz wieder ging, dann jedoch wieder nicht. Letzterer kam nach einem einmaligen Löschvorgang nicht mehr.

Einbau eines neuen Handbrems-Steuergerätes

An diesem Punkt hatten wir alle einfachen Tests durchgeführt und standen vor der Entscheidung, wie wir weiter verfahren. Wir riefen bei Renault an und erkundigten uns nach dem Steuergerät mit Stellmotor, unsere originale Teilenummer lautete hier 8200396849, diese wurde ersetzt durch 360105231R. Dieses Teil ist auf unbestimmte Zeit von Renault nicht lieferbar. Über eBay und den Shop „der-ersatzteile-profi“ war ich zunächst in der Lage ein originales, nagelneues Steuergerät von Renault mit der zweitgenannten Teilenummer zu bestellen. Herstellungsdatum April 2022. Der Preis belief sich auf stolze aufgerundete 539 Euro.

Neues Handbrems-Steuergerät führt zu DF047

Nachdem das neue Steuergerät verbaut war, offenbarte sich ein neuer Fehler. Der alte DF043 verschwand, dafür stand nun DF047 im Fehlerspeicher und der Bordcomputer zeigte „Bordelektronik defekt“.

Eine Nachfrage bei einem befreundeten Renault-Mechaniker sowie eine Befragung im englischsprachigen Renaultforums.co.uk ergab, dass das Steuergerät für die Handbremse angelernt werden müsse. Dies deckte sich mit den durch mich ausgelesenen Daten des Steuergerätes – als VIN waren hier nur Nullen hinterlegt, der Zustand wurde ausgelesen mit „FACTORY MODE“ (Werksmodus).

Neues Handbrems-Steuergerät angelernt, Handbremse OK, Fehlermeldung „Handbremse defekt“ und „Handbremse fehlerhaft“ weiterhin vorhanden, Fehlercode DF056

Mithilfe der originalen CLIP-Software konnte die Handbremse zunächst angelernt werden, jedoch waren beim ersten Anlernvorgang die alten Bremskabel nicht korrekt verlegt. Dies wurde behoben, die Handbremse funktionierte nun wieder einwandfrei, jedoch waren die Fehler weiterhin vorhanden, im Fehlerspeicher war nun jedoch ein anderer Fehler, DF056 „Fehlerhafte Bremskabelverlegung“ gespeichert. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich aufgrund des schlechten Zustands der alten Bremskabel ein Set neuer, originaler Bremskabel mit der Teilenummer 7701478158 im eBay-Shop „profit-shop“ bestellt, jedoch war der Zeitpunkt zur Installation ungünstig. Die alten Bremskabel waren aber ganz sicher korrekt verlegt und die Bremse funktionierte bereits.

Neue Bremskabel, Handbremse OK, weiterhin DF056

Nun wurden also die neuen Bremskabel eingezogen. Die alten waren zwar noch funktionstüchtig, aber schwergängig. Um die Handbremse zunächst vollständig auf einen sauberen und funktionstüchtige Zustand zu heben, wollte ich also an zwei Bremsseilen für etwa 65 Euro nicht sparen. Die Verlegung war nun einfacher, da ich als Laie die Handgriffe auch kannte. Nachdem die neuen Bremskabel eingezogen waren, probierte ich den Fehler zu löschen – ohne Erfolg.

Nun fuhr ich zu einer lokalen Renault-Niederlassung und bat um eine Rekalibrierung der Handbremse, in der Hoffnung, dass der Anlernvorgang mit den neuen Kabel den Fehler endlich beseitigen würde. Prompt half man mir – entgeltfrei, da der Fehler weiterhin vorhanden war. Die 40 Euro Diagnosegebühr wurde mir kulanterweise erlassen.

Batterietrennung von 10-60 Sekunden – DF056 dauerhaft verschwunden

So ganz wollte ich das dann doch nicht glauben. Nachdem ich auf die Idee kam, in französischer Sprache, eine mir nahezu unbekannte Sprache, nach „DF056 Frein de parking“ zu suchen und die Ergebnisse mittels Google Translator zu übersetzen, stieß ich in einem französischen Forum auf diesen Beitrag.

Im Beitrag wird erklärt, dass DF056 beim Renault Scenic II entweder bei falscher Kabelverlegung oder bei einem Defekt im Handbrems-Steuergerät erscheinen kann. So ganz wollte ich das dann doch nicht glauben – nagelneues Steuergerät, direkt defekt? Trotzdem ging ich am Abend wieder zum eBay Shop und bestellte noch ein zweites Ersatzteil – das gleiche Steuergerät nochmal. Der Ehrgeiz ließ mich hier nicht los, ich wollte hingehen und ein weiteres Steuergerät ausprobieren und das defekte dann natürlich zurückschicken.

Doch das war bereits zu schnell gedacht. Meinen befreundeten Renault-Mechaniker befragte ich nochmal zum französischen Forenbeitrag in dem das Trennen der Batterie als DF056-Heilmittel propagiert wurde. Er sagte daraufhin, ich solle das testen, schaden könne es nicht.

Gesagt, getan, eine Minute den schwarzen Massepol der Batterie getrennt, angesteckt – siehe da, der Fehler war weg. Das war vor etwa 200 Kilometern und einigen Handbremsbenutzungen (zudem der Renault Scenic II automatisch beim Abstellen des Motors genau diese aktiviert). Problem gelöst, Handbremse erneuert.

Kosten

Es folgt eine kurze Kostenaufstellung:

OBDLink MX+ – 140 Euro (war bereits vorhanden)
Diverses Werkzeug, Wagenheber, Auffahrrampen zum Tausch der Bremskabel und des Steuergerätes – variabel
Steuergerät Handbremse 360105231R orig. Renault – 538,51 Euro
Bremsseile 7701478158 orig. Renault – 63,95 Euro
Renault Diagnosegebühr zum anlernen der Handbremse – 40 Euro (Kulanz)
Rostlöser – 5 Euro

Gesamt: 787,46 Euro

Zeit (für Laien) – 6 bis 8 Stunden ohne Hebebühne

Effektiv hat uns der Tausch der Handbremse aufgrund der bereits vorhandenen Hilfsmittel 602,46 Euro gekostet (Steuergerät und Bremskabel).

Mögliche Alternativen

Bei meinen Anfragen im Renaultforums.co.uk ergaben sich noch folgende Alternativen:

Umrüstung auf manuelle Handbremse

Diese Möglichkeit gibt es, der Renault Scenic II wurde auch mit manueller Handbremse ausgeliefert (obwohl die elektrische Handbremse Serienausstattung war).

Jedoch wird von der Umrüstung abgeraten, da die notwendigen Teile rar sind (z. B. der Bremshebel) und weil eine entsprechende Kodierung notwendig sei, die allenfalls mit Werkzeugen wie DDT4all möglich sei. Ein entsprechendes Kit fand ich zum Beispiel hier (jedoch leider in britischer Ausführung bei der die Bremse auf der rechten Seite ist).

Motor im Steuergerät tauschen

Auf Renaultforums.co.uk hat User „Nexxusone“ einen ähnlichen Fehler erlebt, bei dem der Motor im Steuergerät einen Defekt erlitten hat. Er tauschte daraufhin den Motor, welchen er für damals 60, heute eher 35 britische Pfund bestellte. Hierzu muss das Steuergerät geöffnet, der Motor getauscht und verlötet und alles wieder Wasser- und Staubdicht verschlossen werden. Das Anlernen spart man bei dieser Methode, da das Steuergerät und jegliche Logik in ihm weiterhin die selbe ist. Diese Alternative setzt natürlich voraus, dass der Defekt wirklich im Motor liegt.

Einen entsprechenden Motor habe ich hier gefunden.

Mein defektes Steuergerät habe ich jetzt übrig und werde ich in den kommenden Tagen einmal öffnen um die Inhalte zu beschauen und zu verstehen. Ein entsprechender Beitrag wird folgen.

Update: Im Beitrag „Wie funktioniert das Handbremsmodul beim Scenic II?“ beschreibe ich die Funktionsweise des Handbremsmoduls und im Beitrag „Reparatur des Elektromotors im Handbremsmodul eines Renault Scenic II“ widme ich mich der Reparatur des Moduls. Solltet ihr diese günstige Alternative durchführen wollen, lohnt sich ein Blick in die Beiträge.

Bildergalerie

Abschließende Gedanken

So schön eine elektrische Handbremse sein mag und so innovativ sie bei einem Minivan 2003 als Serienausstattung war – die Einfachheit einer manuellen Handbremse ist für mich unübertroffen.

Aufgrund der Tatsache, dass ich nur einen OBDLink MX+ mit PyClip für Android besitze, war ich nicht in der Lage die VIN auf das Steuergerät zu schreiben oder die Kalibrierung der Handbremse selber zu starten. PyClip basiert auf PyRen, einer in Python geschriebenen Anwendung, welche den Funktionsumfang von Renault’s Clip-Anwendung spiegeln soll. Eine entsprechende Frage, warum die beiden Funktionen nicht unterstützt werden bzw. was ich tun müsse, um diese Funktionen nutzen zu können, blieb bislang unbeantwortet.

Dank gebührt an dieser Stelle den Helfern in den Foren – Renaultforums.co.uk sowie scenic-forum.de.

Renault Scenic II (JM) 1.6 16V

2 thoughts on “Fehler der Handbremse DF043, DF047, DF056 beim Renault Scenic II”

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